„Brot und Spiele“

Pan y Circo


In der Arbeit mit dem Titel „Brot und Spiele" dient ein Ausschnitt einer jubelnden Fußballzuschauermenge als Vorlage für das Bild. Das Foto stammt aus einer internationalen Zeitung und steht stellvertretend für die Ausgelassenheit einer feiernden, tobenden und jubelnden Menge. Die bunten Farben der Fußballtrikots bestimmen die leuchtende Farbwirkung des Bildes. Es ist ein Ausschnitt, wie wir ihn schon tausendfach in Fernsehen oder Tageszeitungen sehen konnten. Wie in römischen Zeiten wird das Volk durch „Brot und Spiele" von der problematischen, konfliktreichen Wirklichkeit abgelenkt.

Alle drei Bilder haben eines gemein: sie wurden in mehreren Phasen aufgebaut, gezeichnet und gemalt, um schließlich in weiteren Schritten langsam wieder übermalt und minimiert zu werden, bis wie in Nebel oder in Farbe gehüllt nur ein Schatten der Erinnerung oder ein Hauch von Bedeutung übrig blieben. Für Teréz Fóthy ist die Übermalung keine Paraphrase der kalkulierten Veränderung. Für sie ist das Bild ein Modell für Verwandlungen und Veränderungen, die sich aus dem lebendigen Prozess des Malens ergeben. Alle ihre Motive sind aus einer biografischen Fragilität entstanden. Auch wenn es zunächst nicht so scheint, versucht sie alle Momente gleichzeitig festzuhalten und zu erfassen. Sie entgleiten ihr aber im nächsten Augenblick bereits, sobald sie jene Momente zu verstehen glaubt. Insofern ist dieser Prozess des Übermalens auch ein Prozess des Übergangs. Vergleichbar mit den Abläufen einer aktiven Erinnerung, in denen sie auf die Gegebenheiten des gegenwärtigen und vergangenen Lebens reagiert, gesellschaftliche und politische Themen mit einbezieht und mit ihren künstlerischen Initiativen konfrontiert.

Teréz Fóthys Übermalungen sind ein Eindringen in die Erinnerung und ein Umwandeln dieser hierbei entstandenen Bilder. Sie gleichen einem vorsichtigen Verdecken oder Überstreichen. Wenn man hingegen an die Übermalungen von Arnulf Rainer denkt, ist das vergleichbar mit einer Feindseligkeit gegen alles – ein Zerstören in der Gewissheit, dass etwas Besseres daraus erwächst. Seine übermalten Fotografien und Bilder sind radikal, zerstörerisch, nihilistisch. Und dennoch ist auch für ihn die Unkenntlichmachung des ursprünglichen Dargestellten kein bloßes Zustreichen, sondern gleicht einem kontemplativen, fast religiösen Akt, der sich sukzessiv als langsamer Prozess vollzieht.

In beiden Fällen dient das Übermalen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die finalisierenden Zwischenzustände im Malverlauf gilt es zu erreichen, um eine neue Einsicht zu erlangen. Der Weg ist das Ziel.

 

Michael Dörner, Juli 2014

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